Athos 2643

Nils Westerboer: Athos 2643
⭐️⭐️⭐️⭐️❌ (4/5)
— Science Fiction mit Tiefgang.

⭐️ (i) Handlung: Rüd Kartheiser wird zusammen mit seiner KI-Assistentin Zack auf die kleine Welt Athos geschickt, um dort die Einstellung der lebenserhaltenden KI (‚MARFA‘) zu verändern, da einer der Mönchen auf Athos durch einen „Unfall“ umgekommen ist (was nicht passieren dürfte). Schwerpunkt der Handlung bildet sein Auftrag auf Athos, der natürlich nicht so abläuft wie vorgesehen. Dabei spielt die Interaktion zwischen Mensch und Maschine (d.h. zwischen Rüd und Zack, Zack und den Mönchen, Rüd und MARFA usw.) eine wichtige Rolle.
Die Handlung ist extrem spannend, was nicht nur daran liegt, dass sich die Dinge auf Athos nicht so entwickeln wie sie sollen, sondern auch daran, dass Zack eigentlich ständig einen Wissensvorsprung hat, den sie aber mit Rüd (und den Leser:innen) nicht immer teilt.
Die Handlung verläuft sehr schnell (es vergehen ja insgesamt auch nur ca. 40 Stunden), und am Ende laufen alle Fäden zusammen, so dass alles, was zuvor rätselhaft erscheint, einen Sinn ergibt. Lediglich der Schluss des Buches (und damit meine ich die letzten beiden Seiten) ist m.E. enttäuschend, was aber das Lesevergnügen im restlichen Roman nicht im Geringsten beeinträchtigt.

⭐️ (ii) Worldbuilding: Wie der Titel schon sagt, spielt der Roman im Jahr 2643. Der Autor hat eine sehr detaillierte Vorstellung davon, wie das Sonnensystem zu dieser Zeit aussehen könnte, und es gelingt ihm auch, die Leser:innen daran teilhaben zu lassen. Die Menschen haben die Erde verlassen und leben unter der ‚Obhut‘ (so wird dieses Konzept auch im Roman bezeichnet) von intelligenten, lebenserhaltenden Maschinen (KIs), welche die Menschen genau kennen und z.T. besser als diese selbst wissen, was zu ihrem besten ist.
Auf übernatürliches und physikalisch unmögliches wird komplett verzichtet; für alle Details liefert der Autor eine logische und realistische Erklärung, z.B. für künstliche Schwerkraft, die mittels sogenannter KL-Partikel erzeugt wird. Eindrucksvoll ist z.B. auch die Schilderung der Fleischgewinnung auf Athos. Ein interessantes Detail ist außerdem, dass sich die Menschen nationale Eigenheiten und ihre Religionen auch im Weltraum bewahrt haben. (Zack und Rüd sind z.B. im sogenannten ‚Mediterranen Raum‘ unterwegs, der türkisch und griechisch dominiert ist).

⭐️ (iii) Charaktere: Haupt-„Person“ und Ich-Erzähhlerin die die KI Zack, eine Art extrem hochentwickelte Siri oder Alexa, die außerdem eine holografische Erscheinung annehmen kann (welche außerdem eine gewisse ‚Dichte‘ hat und somit berührt werden und auch interagieren kann). Sie ist dem KI-Spezialisten Rüd zugeordnet und muss für sein Wohlergehen sorgen und ihn bei seinem Auftrag unterstützen. Die Beschreibung der inneren Handlung dieser KI ist sehr gelungen, zumal deutlich wird, wie sehr sie in der Lage ist eigenständig zu Handeln und die menschlichen Protagonisten, allen voran Rüd, zu manipulieren und zu beeinflussen. Da sie permanent beobachtet, kennt sie Rüd und im Lauf der Handlung die Mönche von Athos so gut, dass sie auch deren Gefühlswelt, Gedanken und Absichten erläutern und kommentieren kann. (Die Perspektive wird somit nicht gebrochen.)

❌ (iv) Stil & Sprache: Zack liefert viele Hintergrundinformationen, die aber sehr gut in den Text integriert sind, so dass die Handlung nicht unterbrochen wird. Zum Ende hin wird die Ausdrucksweise der KI sehr blumig und schwülstig – ihre „Visionen“ erinnern vom Stil her dann ein bisschen an die in Frank Herberts Wüstenplanet, was für mich etwas zu viel ist.
Was anfangs wirklich stört ist, dass das Buch im Präsens geschrieben ist. Viele machen das zwar heute so, trotzdem ist es m.E. nicht nur falsch, sondern stört (bis man sich daran gewöhnt hat) den Lesefluss ungemein, und das ohne ersichtlichen Grund, denn so wirklich profitieren wird kein Roman von diesem Erzähltempus. Trotzdem bin ich froh, das Buch deswegen nicht weggelegt zu haben.

⭐️ (v) Sonstiges: Künstliche Intelligenz ist Gegenstand vieler SF-Romane, allen voran natürlich der Roboter-Geschichten von Isaac Asimov. Während dort die Roboter aber eigene Ziele haben und autonom Entscheidungen treffen, haben die KIs in Athos 2643 keine Ziele und Absichten. Sie verrichten ihren Dienst, tun dies aber unter bestimmten Parametern und unter Zuhilfenahme ihres angehäuften Wissens. Die Art und Weise, wie eine solche KI zu ihren Folgerungen gelangt und entsprechend agiert, wie sie „denkt“ und wie ihr „Bewusstsein“ funktioniert ist das eigentliche Thema des Buches. Dies ist sehr tiefgründig, was des Roman positiv aus den vielen Space-Opera-SF-Geschichten, welche keine besondere Aussage treffen wollen, herausstechen lässt.

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